Wir hatten ja nichts

Wir hatten ja nichts

Google möchte mit Sony einen „cleveren“ Fernseher auf den Markt bringen, Samsung verknüpft TV-Signal und Internet bereits und Apple-Geeks frösteln wohlig, wenn sie nur an den iTV denken. Achja, selbst bei Ikea baut man am Volksempfänger 3.0. Schöne neue Fernsehwelt – Zeit für einen wehmütigen Rückblick.

Für Menschen, die nach 1985 geboren wurden, mag es sich anhören wie das schaurig-nostalgische: „Wir hatten ja, nix.“ – der Zitat-gewordene Vorwurf einer von der Geschichte nicht gerade gehätschelten Generation.

Ich bin Jahrgang 1971. Nie käme es mir in den Sinn, mich wirklich zu beschweren – zu hedonistisch waren die 80er und 90er. Aber würde ich klagen, müsste ich sagen: „Wir hatten ja nur drei Sender.“ Eine Vorstellung, die einem jugendliche Gegenüber schon jetzt einen Schauer über den Rücken jagen würde.

Und dabei sind die wirklich gruseligen Details öffentlich-rechtlicher Grausamkeiten noch gar nicht auf dem Tisch. Ich sage nur: Sendeschluss (der Leser mag sich einen Kirchenorgel-Akkord aus einem Edgar Wallace-Streifen in Schwarzweiß (!) dazu denken).

Ja! Damals war um spätestens 1 Uhr Sense, aus die Maus – bis am Morgen das Vorabendprogramm wiederholt wurde. Das war medialer Knast mit Freigang. Tagsüber Aufschluss, aber nachts zurück auf die Zelle. Und wo wir gerade so schön am Schocken sind: Zum Sendeschluss gab es immer noch ein paar Stillshots deutscher Sehenswürdigkeiten – plus National- respektive Bayern-Hymne (Gott mit Dir, Du Land der Bayern …). Und wahrlich, ich sage Euch: Das war normal.

Das Programm war nicht ganz so vielseitig und international wie heute. Die Ärzteserie meldete sich vom Tittisee im Schwarzwald, Derrick ermittelte in den sich immer sehr ähnelnden Villen Grünwalds und das Kinder-Programm lag noch in den Händen der aufrechten Pädagogen von der Rappelkiste und dem Feuerroten Spielmobil.

Quizmaster Kuhlenkampff machte mit einer vorweggenommenen Unterhaltungs-EU eine ganze Generation bildungsbürgerlicher Hausfrauen wuschig und Bundestagsdebatten wurden noch live übertragen. Skurril: Der Bayerische Rundfunk sendete eine Stunde lang Schwarzbild, weil die Kaberettisten vom Scheibenwischer das taten, was ihr Job war: sich lustig. Und Werbung? Paaahhh… nur vorabends und aufgelockert durch die Mainzelmännchen. Ach ich könnte noch Stunden schwelgen …

Seine Unschuld verlor das Fernsehen 1984 in Ludwigshafen (nicht der schönste Ort für so etwas – aber ich schweife ab…). Genauer gesagt verlor es seine Unschuld an RTL, an Hugo Egon Balder, an Tutti-Frutti. Die Spielidee habe ich nicht mehr ganz präsent, aber es ging um von kleinen Früchtchen bedeckte und sonst barbusigen Schönheiten.

Die Büchse der Pandora – voll von Spielshows, Krimiserien und Reality Soaps – wurde an diesem Abend entsiegelt und steht seither sperrangelweit offen. Die Folgen kann man heute auf gefühlt 2386 Sendern erzappen. Ist das gut, wird es noch besser werden? Ich murmle selbsttröstend: „Ach, wir hatten ja nichts“. Nicht einmal eine Alternative.

1 Kommentar

Ein Kommentar zu “Wir hatten ja nichts”

  1. Robert Glinka

    Sehr schön geschrieben! Jaja, die gute alte Zeit ;-)
    Nicht zu vergessen: 1, 2 oder 3 mit Michael Schanze und das Ferienprogramm mit Anke Engelke in der Pubertät.

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